Kübra Atasoy und Michael Genner stehen vor einer begrünten Wand im WUK.

Dieses Interview wurde geführt von Katja Starnberger, ehrenamtliche Redakteurin bei Asyl in Not.

 

Ein Gespräch mit Michael Genner und Kübra Atasoy über die Entwicklung von Asyl in Not und ihre Pläne für die Zukunft

Michael Genner ist seit 1993 bei Asyl in Not tätig und seit 2004 Vereinsobmann. Bei der nächsten Vereinswahl stellt sich Geschäftsführerin Kübra Atasoy für die Position als Vereinsvorsitzende zur Wahl. Michael wird sie weiterhin als stellvertretender Obmann mit seiner ganzen Kraft unterstützen. In einem Interview blicken die beiden auf die Entwicklung des Vereins zurück und erzählen, was sie sich für die Zukunft von Asyl in Not wünschen.

Michael, wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst. Wie würdest du sagen, hat sich der Verein von deinem Dazustoßen bis heute gewandelt?

Michael: Den Verein habe ich 1993 zu einer Zeit übernommen, als er in einer Krise war. In den 90er-Jahren wurde das Asyl- und Fremdenrecht in Österreich stark verschärft, weshalb es notwendig wurde, Asylrechtsberatung zu machen. Eine erste wichtige, inhaltliche Änderung war dann, dass wir uns von anderen NGOs unterscheiden, indem wir uns bewusst nicht als rein humanitäre, karitative Organisation, sondern als eine politische Organisation verstehen, die die Hilfe des Einzelnen mit dem politischen Angriff auf das System verbindet.

Was würdest du von den Wurzeln der Gründung gerne weitergetragen wissen?

Michael: Wir sind aus dem Kampf gegen den Islamismus, der im Iran an die Macht gekommen ist, hervorgegangen. Als ich zu Asyl in Not gekommen bin, war der entscheidende Kampf der für das Recht auf Asyl, für das Recht auf Einwanderung und auf Freizügigkeit. Dieser Kampf ist mühevoll und hart und wir sind noch lange nicht am Ziel. Ich hoffe, dass die Bewegung, für die wir stehen, stärker wird und dass eine grundlegende Wende zu demokratischen Reformen kommen kann.

Du warst seit 2004 Vorsitzender von Asyl in Not. Was waren deine wichtigsten Aufgaben in dieser Position?

Michael: Ich habe in allen drei Positionen, als Büroleiter, Geschäftsführer und Obmann, immer die Aufgabe gehabt, die juristische und politische Arbeit des Vereins zu leiten und zu organisieren und dabei vor allem auf die Verbindung beider Elemente zu achten. Damit nicht eines davon Überhand nimmt.

Welche Herausforderungen gab es in den letzten Jahren im Verein selbst ?

Michael: Wir waren manchmal fast pleite, aber ich hab es auch immer wieder geschafft mich aus dem Sumpf der Pleite wieder herauszuziehen und wir haben überlebt. Aber es gab auch manche Probleme im Verein selbst. Wir mussten uns von einigen Leuten trennen, die die die Linie des Vereins nicht mitvertreten konnten und wollten. Die Leute, die gegangen sind, weil sie gemeint haben, sie wollen nur reine Rechtsberatung machen und sich nicht politisch engagieren, die sind keine wirkliche Hilfe für geflüchtete Menschen. Gute Beschwerden sind wichtig. Aber das genügt nicht. Wir müssen zugleich auch den politischen Kampf führen.

Kübra: Wir sind eben keine rein karitative NGO. Wir sind keine Hilfe. Wir sind Teil der globalen Befreiungskämpfe, dort wo wir ansetzen können. Und dieses Verständnis muss man verbalisieren, auch im Innenverhältnis des Vereins. Der [Klient] hat die Reise von Afghanistan bis hierher alleine geschafft. Ab hier übernehmen wir das letzte Stückchen und machen den Rest weiter. Aber es ist trotzdem derselbe Kampf. Es ist nur purer Zufall, dass er dort sitzt und ich hier. Es könnte jederzeit auch andersherum möglich sein.

Michael, du hast in den Jahren in deiner Funktion als Vereinsobmann viel an Erfahrung gewonnen. Gibt es etwas, das du Kübra für ihre neue Funktion mitgeben möchtest?

Michael: Ich wünsche mir, dass Kübra mit ihrem Team den Kampf weiterführt. Dass sie stark ist – aber das ist sie ohnedies – gegenüber allen eventuellen Schwierigkeiten oder auch Intrigen und dass sie nie die Kontrolle verliert über das, was im Verein geschieht. Das ist ganz wichtig und dabei werde ich sie auch unterstützen.

Kübra, Wieso hast du dich entschieden, dich bei Asyl in Not zu engagieren?

Kübra: Ich bin bewusst zu Asyl in Not gekommen, nachdem ich in vielen anderen Zusammenhängen politisch organisiert habe und zwar weil die Arbeit hier einen Zweck, eine politische Aufgabe hat und nachvollziehbar und vermittelbar ist und dadurch Zukunft hat und nachhaltig ist.

Welche neuen Aufgaben werden jetzt als Vorsitzende auf dich zu kommen?

Kübra: Es ist definitiv ein fließender Übergang. Ich glaube dass der Generationenwechsel nur ein Schritt von vielen ist. Das ist kein Bruch, keine Zäsur, sondern nur eine logische Folge von den Schritten, die wir gesetzt haben.
In den letzten Jahren haben wir gemeinsam einen Aufbauprozess gemacht. Ich bin damals zu Michael gegangen und habe das Ziel formuliert, dass für mich persönlich, der nächste Schritt eine politische Organisation mit Aktivist*innen ist. Und zwar eben nicht diese „Selbstdarstellungspolitik“, sondern nachhaltig in unsere politische Klasse hinein zu organisieren.

Was werden denkst du die größten Herausforderungen sein, die in der Zukunft auf Asyl in Not zukommen werden?

Kübra: Ich glaube eine der größten Herausforderungen wird sein, Leute zu politisieren, die glauben, einer anderen Klasse anzugehören als sie es tun. Zum Beispiel Anwält*innen müssen organisiert werden, politisiert werden, damit wir dann mit ihnen weitere Schritte setzen können. Juristische Schritte, die wir ohne ihnen so nicht setzen können.

Welche Pläne hast du für Asyl in Not? Was wünscht du dir für die Zukunft des Vereins?

Kübra: Der nächste Schritt ist ein Organisationsplan. Auch die Rechtsberatung soweit aufzubauen, sodass sie nicht nur auf den Asylbereich beschränkt bleibt, sondern dass wir uns soweit vernetzten, dass wir auch im Fremdenrechtsbereich bis hin zu Sozialrechten aktiv sein können. Das ist aber ein kollektiver Prozess, da muss sich Asyl in Not als Organisation gemeinsam hinentwickeln. Meine Aufgabe ist es, das zu begleiten, es nach außen hin zu schützen und im Innenverhältnis Anleitung zu bieten, im juristischen wie auch im politischen Bereich.